Skip to main content

" Unser Walter Linse "

Home
English Synopsis
Einfuehrung
Dokument Uebersicht
1 Alfred Ascher
2 Alfred Ascher
doc 2a
doc 2b
doc 2c
doc 2d
doc 2e
doc 2f
3 Horst Lantzsch
4 Gilel Reiter
5 Kontakte Uebersicht
6 Linse bei der IHK
7 Ciphero Widerstand
8 Linse Nazigegner
9 Die Familie
Dank Acknowledgement
Ausgewaehlte Literatur
Contact Us
About Us
Site Map

2                                        Familie Alfred Ascher, Antrag an Linse, 600 RM freizustellen 

 

Am 19. April 1939 - Aschers Flucht nach Belgien ist gelungen - geht bei der IHK Chemnitz ein handschriftlicher Brief aus Brüssel von Herrn Alfred Ascher für Herrn Dr. Linse ein (2a). Der Brief zeigt eindeutig die Schriftzüge von Frau Edith, ist aber für Herrn Ascher geschrieben. Dieser ersucht, von dem in der Naziverwaltung zurückbehaltenen Guthaben seines früheren Geschäftes, 600 RM freizustellen – das Geld werde für den Lebensunterhalt seiner Eltern (!) benötigt.

 

Linse bemüht sich und weist in der Korrespondenz zwischen den Ämtern immer wieder auf den Verwendungszweck des Geldes hin (2b). Sogar eine Zahlung in monatlichen Raten (!) wäre angenehm. Schliesslich wird der Antrag genehmigt und am 17. Mai 1939 richtet Linse einen diesbezüglichen Brief an Alfred Ascher in Brüssel  (2c)  -- und den muss man schon lesen, um die Sachlage zu verstehen. Es steht da:

 

“… Betrag … zu Ihren Gunsten … der Commerz- und Privatbank überwiesen worden ist …. da eine unmittelbare Auszahlung an Ihre Eltern mangels Nachweises einer entsprechenden Empfangsberechtigung nicht möglich war ...”

 

Was soll denn das bedeuten, fragt man sich.

 

Die Antwort ist einfach: Alfred Aschers Eltern waren beide schon tot (siehe Auszug aus dem Register des Jüdischen Friedhofes Chemnitz* 2d). Die Formulierung in Linses Brief lässt auch erkennen, dass er es wusste. Linse konnte aber nicht in die Akten schreiben, dass er die Nazi-Behörden hintergangen hat. Ich nehme an, Linse ahnte, dass Aschers in Brüssel, wie viele jüdische Flüchtlinge in dieser Zeit, dringend Geld brauchten. Sie durften ja nur zehn Mark mit sich führen. Wieder hat Linse geholfen.

 

Ein Historiker der Commerzbank schrieb mir dazu, dass es für jemanden in Brüssel damals prinzipiell möglich** war, Zugang zum eigenen Geld in einer Chemnitzer Bank zu haben. Es mag umständlich gewesen sein, wegen der Einschränkungen im Devisenverkehr, aber nicht unmöglich. (2e)

 

Wer sehen möchte, kann sehen: Der Brief (2b) von der IHK an den Oberbürgermeister (ein grosser Nazi)  ist mit "Heil Hitler" unterzeichnet. Im Brief von Linse an Herrn Ascher (2c) fehlt dieser "stolze" Nazi Gruss. Wieder ein Hinweis, wo Linse steht?


Wäre Linse ein "getreuer Nazi" gewesen, hätte er, früher oder später, das Reichfinanz-ministerium benachrichtigt, dass der "Chemnitzer Jude" Ascher im Ausland weilt und dass deshalb dieses Guthaben zugunsten des Reiches eingezogen werden könnte. Ein solches Schreiben von Linse ist NICHT bekannt. Im Gegenteil, er hat versucht, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, das Guthaben für Herrn Ascher zugänglich zu machen. Das ist am Ende wahrscheinlich, wegen der Einschränkungen im Devisenverkehr, nicht geglückt.  Später hat nämlich das US Aussenministerium (damals noch neutral) das Deutsche Reich informiert, dass Herr Ascher  US Staatsbürgerschaft beantragt habe, woraufhin das deutsche Aussenministerium das Finanzamt erinnert hat, das Vermögen zu beschlagnahmen. Diese Entwicklung mindert aber nicht den riskanten Einsatz von Walter Linse, Aschers zu unterstützen.

 

Offensichtlich hat Dr. Linse versucht, den Aschers zu helfen. Obendrein zeigt das Beispiel, dass man den Akten in der IHK eben nicht einfach glauben kann, wenn man die Wahrheit über Dr. Linse sucht. Es hilft, auch zwischen den Zeilen und anderswo zu lesen.

 

Man muss annehmen, dass Aschers und Linse diesen Antrag vorher irgendwie besprochen haben, telefonisch, oder über einen Mittelsmann (Herr Lantzsch ? - siehe Punkt 3). Wahrscheinlich hat Linse auch eine Person im Gewerbeamt mit ins Vertrauen gezogen. Für die Beteiligten war dies ein echtes Risiko, weil alle gegen das Nazi-Regime gehandelt haben. Liebe Freunde, das waren Helden.

 

* Aus "Juden in Chemnitz" von Nitsche und Roecher

** Ein weiteres Beispiel, wie  ein Flüchtling in Brüssel Geld aus Chemnitz empfangen hat, findet man wieder in "Juden in Chemnitz" von Nitsche und Roecher, Seite 436.