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" Unser Walter Linse "

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4c                                      Mein (Peter Seifert) Besuch bei Herrn Joachim Reiter

 

Bei meinem Besuch in Berlin, am 10. Juli 2008, hat mir Gilel Reiters Sohn, Herr Joachim Reiter, seine Geschichte erzählt und mir erlaubt, hier davon zu berichten:

    

Aus erster Ehe hatte Vater Gilel Reiter zwei Söhne (Samuel und Anatol). Frau Reiter starb jedoch in den 1920-er Jahren. Gilel heiratete wieder, etwa 1928 – diesmal eine arische Frau. Drei Söhne wurden 1929, 1930 und 1942 in Chemnitz geboren, der mittlere ist Joachim (Diplomingenieur, Maschinenbau, i.R.), mein Gesprächspartner; er lebt schon lange in Berlin.

 

Seine Mutter ist etwa 1931 zum Judentum übergetreten, wahrscheinlich  aus Respekt für die beiden Söhne aus der ersten Ehe, aber ihre genauen Bewegründe kenne ich nicht.

 

Joachim und sein älterer Bruder besuchten die Andreschule auf dem Kassberg, einer vornehmen Wohngegend in Chemnitz. Bald wurden sie jedoch ausgeschlossen und mussten in eine Judenschule gehen. Auch das hörte auf; jüdische Kinder durften gar nicht mehr öffentlich unterrichtet werden. Obendrein musste die Familie ihre schöne geräumige Wohnung verlassen und ins Judenhaus, Apollostrasse 18, ziehen. 

 

Es kam noch viel schlimmer: In der Reichskristallnacht 1938 wurde Gilel Reiter verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht. Dort wurde er schwer mishandelt, geschlagen. Vielleicht war er eines der Opfer, von denen Herr Ascher (doc 1a) mit Grauen berichtet. Wir wissen nicht genau, warum Gilel wieder entlassen wurde, vielleicht weil wichtig für die Rüstung, vielleicht weil durch die Prügelung zu schwer verletzt – Nierenschäden. Vielleicht war es der Einsatz von Linse und/oder Sieben-Hausen.

 

Für Herrn Reiters Geschäft (Vertrieb und Unterstützung seiner Erfindung) wurde ein arischer Treuhänder, Herr Sieben-Hausen eingesetzt. Joachim erinnert sich an diesen Herrn, der sogar manchmal die Wohnung besuchte, nicht aber an Dr. Linse. Von ihm hörte Joachim Reiter erst durch Benno Kirschs Buch.

 

Herr Gilel Reiter, damals etwa 60-jährig, muss wie ein Löwe gekämpft haben, für die Existenz der Familie, fürs Überleben, gegen die Deportation, für seine Erfindungen und deren Vermarktung, in einem Umfeld wo er als Jude unerwünscht war. Irgendwie überlebte die Familie die Jahre von 1938 bis Februar 1944, als Herr Reiter schliesslich an Nierenversagen starb. Er hätte sicher durch Behandlung oder eine Operation gerettet werden können, jedoch fand sich kein Arzt, der dem Juden helfen wollte oder konnte. Joachim erinnert sich, wie er und sein Bruder den Leichnam auf einem Schlitten zum Krematorium zogen. Die Urne wurde später auf dem jüdischen Friedhof in Chemnitz beigesetzt.

 

Auch nachdem der jüdische Vater gestorben war, gab es keinen Schutz für die Familie durch die urspruenglich arische Mutter. Sie blieben weiterhin im Judenhaus, bis am 15. Februar 1945 Joachim und sein älterer Bruder (etwa 14 und 15 jährig) abgeholt und mit vielen anderen Jugendlichen in Viehwagen ins KZ Theresienstadt gebracht wurden.  Das Lager wurde im April durch die Sowjetarmee befreit. Die beiden Brüder schlüpften dann aus der Typhus-Quarantäne hinaus, schlugen sich nach Chemnitz und Zwickau durch und fanden dort die Mutter wieder. Die weitere Geschichte ist noch länger und ebenso schwer, aber sei hier beendet. Sie zeigt, es gab in der Nazi-Zeit keinen verlässlichen oder glaubhaften Schutz für diese Familie Reiter, auch nicht durch die arische Mutter -- eine qualvolle Zeit auch für sie.

 

Ich danke Herrn Joachim Reiter für sein Vertrauen und seine Offenheit. Er hat mir erlaubt, davon zu berichten. Ähnlich wie mit Frau Ascher fühle ich mich mit ihm und seinem Schicksal eng verbunden.

 

Zurück zu Dr. Linse: Seine Handlungen haben bestimmt beigetragen, die Familie Gilel Reiter für viele Jahre (1939 bis 1943) zu schützen. Es lohnt sich wirklich, die betreffenden Seiten in Dr. Benno Kirschs Buch zu lesen, um einen Eindruck zu gewinnen, wie oft sich Linse und Sieben-Hausen bemüht haben, und wie vorsichtig sie sein mussten, um keinen Verdacht auf sich zu lenken.