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" Unser Walter Linse "

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English Synopsis
Einfuehrung
Dokument Uebersicht
1 Alfred Ascher
2 Alfred Ascher
3 Horst Lantzsch
4 Gilel Reiter
5 Kontakte Uebersicht
6 Linse bei der IHK
doc 6a Meichsner Moda
doc 6b Sam. Nussberg
doc 6c Heumann
doc 6d Linse 1945
doc 6e Sekretaerin
doc 6f NSDAP ?
doc 6g ICJ
doc 6h Liwerant
doc 6i Oswald
doc 6k Unitas
doc 6 L Jan. Nussberg
7 Ciphero Widerstand
8 Linse Nazigegner
9 Die Familie
Dank Acknowledgement
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 6e            Zeugnis einer Sekretärin der Handelskammer

 

             Angeregt durch einen Zeitungsartikel (~2010)  trafen wir eine Dame, neunzigjährig, aufrecht und geistreich. Sie war etwa von 1938 bis 1942 als Sekretärin bei der Industrie- und Handleskammer Chemnitz tätig. Vielleicht, so der Artikel, war [der fast zwanzig Jahre ältere] Herr Dr. Linse ihre erste geheime Liebe.

 

             Sie erklärte uns ehrlich und glaubwürdig ihre Herkunft, und dass sie damals überzeugt, vielleicht sogar begeistert, als BDM Mitglied und Nazi-Anhängerin mitgemacht hatte. Es ist heute sicher nicht leicht, diese Einstellung offen zuzugeben. Ihr Zeugnis gewinnt dadurch an Gewicht.

 

            Ob Dr. Linse ein Nazi war, bejahte sie: "Er war ein Nazi, wie wir alle ..."  und bei der Entjudung, seiner Aufgabe,  habe er manchmal "hart durchgegriffen".  Allerdings sei Dr. Linse in der Handelskamer schon aufgefallen, weil er stets Anzug und Krawatte, nicht die Parteiuniform trug.

 

Heute stellt sich natürlich die Frage, ob Linse, wäre er ein Nazi-Gegner gewesen, ihr diese Überzeugung mitgeteilt hätte. Man darf wohl annehmen, dass er dafür zu klug und vorsichtig war. Dieser Gedanke beweist natürlich nicht seinen Widerstand gegen das Regime, aber er muss bei der Bewertung der obigen Aussage der Sekretärin bedacht werden.

 

Hat sie ihm ihre Liebe offenbart? Vielleicht ist sie nicht erwidert worden ? Jedenfalls heiratete  Dr. Linse 1942 eine andere, Frau Helga Heymann ... (die Schwester meiner Mutter)

 

            Die Sekretärin arbeitete nicht regelmässig für Dr. Linse, sondern nur aushilfsweise. Sie erinnerte sich nicht an Frau Edith Ascher, Herrn Alfred Ascher, deren Besuche in der IHK oder an die Korrespondenz über den Fall Ascher. Gleichfalls waren ihr die Namen des Herrn Gilel Reiter und seines arischen Treuhänders Sieben-Hausen, fremd - ungeachtet der grossen Anzahl von Schriftstücken, die über fast fünf Jahre, während ihrer Anstellung bei der IHK entstanden waren.

 

            Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reiches erfuhr die Sekretärin von den Grausamkeiten, die das Nazi-Regime begangen hatte und wandte sich entsetzt von dessen Ideen ab. In der Ostzone und späteren DDR kam sie gut voran. Ihr gefiel, dass dort auch Menschen von einfacher Herkunft Bildung geniessen konnten, und sie unterstützte den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft von ganzem Herzen. Noch heute fühlt sie, dass der Sozialismus die Rettung für die Welt ist. Wieder ein ehrliches Eingeständniss.

 

              Von den Sowjets wurde Linse wieder bei der IHK eingestellt, sogar befördert. Bei der Gründung der DDR jedoch fand er sich als LDP* Mitglied wieder in der Opposition zu den Machthabern. Diesmal wagte er die Flucht nach Westberlin. Dort habe er gegen die DDR gearbeitet und, so die Sekretärin, "..hat unsere besten Kräfte abgeworben,..., denn er wusste ja alles ... das konnte nicht so weitergehen, ...  er wurde von Chemnitzern gewarnt, .... , aber so ein schlimmes Schicksal [wie seine Hinrichtung in Moskau] hat niemand gewollt ..." 

 

             Als Walter Linse nun, mehr als vierzig Jahre nach seiner Ermordung,  für seinen Widerstand gegen die DDR in Chemnitz geehrt werden sollte, habe sie protestiert und an seine Tätigkeit während des dritten Reiches erinnert.

 

Natürlich konnte sie damals nicht von den vielen Beispielen Dr. Linses Widerstandes gegen die Nazis wissen. Diese wurden erst 2007 durch Dr. Benno Kirsch und in diesem Internetportal objektiv ans Licht gebracht.




* LDP   Liberal Demokratische Partei  in der DDR