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" Unser Walter Linse "

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       Fortgesetzt, von 8 a                                                            


 8 b                                Frage- und Meldebögen zur Entnazifizierung

 

Aus den Jahren 1945 bis 1946 wurde bisher kein von Linse ausgefüllter Entnazifizierungs-Fagebogen gefunden. Es entbehrt nicht einer gewissen Logik, dass es vielleicht gar keinen gibt: Wieso sollte Walter Linse auch entnazifiziert werden, wenn er kein "Nazi" war, weil seine Mitgliedschaft in der NSDAP nie begonnen hat - und die Autoritäten diese Erklärung, wie oben ausgeführt, akzeptiert haben?

 

Als er 1948 in Chemnitz von Frau S. denunziert wurde, füllte Linse einen Fragebogen aus. Die Kernfrage

                   "Waren Sie Mitglied der NSDAP und einer ihrer Gliederungen?"


hat Linse darin mit "NEIN" beantwortet, genau im Sinne seiner früheren Aussagen. Offenbar erübrigten sich damit irgendwelche nachfolgenden Schritte. 


                                     

 

Ein Jahr nach Linse's Flucht wurde von der Berliner Stadtverwaltung (1950) eine "Auskunft" gefunden. Man darf annehmen, dass  die "Auskunft" seine NSDAP GAU-Karteikarte war, die in das Berlin Document Center gelangt und nun durch die alphabetische Umsortierung der Karten leichter findbar geworden war. Linse wurde daraufhin von einer Spruchkammer aufgefordert, einen sogenannten "Meldebogen" auszufüllen. Darin beantwortet er die "Kernfrage" mit "JA". Ein Widerspruch zu der Aussage von 1948? Nein, denn die Kernfrage diesmal (1950) lautete anders

                        " Waren Sie jemals Angehöriger, Anwärter, Mitglied,

                                förderndes Mitglied der ... (a) NSDAP"?                                


Hier werden also Anwärter (als Antragsteller) und Mitgliedschaft gleichgestellt - eine mögliche Ansicht, die Linse selbst schon 1945 eingeräumt hatte, die aber nach NSDAP Regeln nicht galt. Von der GAU-Karteikarte weiss er nun auch Mitgliedsnummer und Aufnahmedatum

(1. Oktober 1940) und er gibt diese im Meldebogen an. Für Linse selbst hat diese neue Definition der Mitgliedschaft aber keine Konsequenzen, denn in Westberlin gelten seit April 1949 die Personen, deren Mitgliedschaften nach 1937 beginnen, nicht mehr als "betroffen". Im Juli 1950 erhält er die entsprechende amtliche "Verfügung", darf seinen Beruf ausüben und braucht nicht den "Trockenstempel" in seinem Ausweis, der Nazi-Belastung andeuten würde.



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Die fünf obigen Dokumente waren fraglos einmal in den persönlichen Akten von Dr. Linse, und später Frau Helga Linse (der Tante dieses Autors). Sie sind durch Linse's Katastrophe verloren gegangen. Anstatt zeige ich Kopien aus dem Bundesarchiv Berlin. BArch, ZB7374 A-14 Bitte um Nachsicht (P.Sei).  [Besser lesbar wenn vergrössert]  


Trotz alledem schreibt das US HICOG 1952 (nach der Entführung) ein kurzes Memorandum zu Linse's Person. Darin steht, u.a., dass er seit 1942 (!) NSDAP Mitglied war - jedoch ohne

Hinweis auf irgendwelches Beweismaterial dazu.


Die Amerikaner, als Siegermacht, haben das Kriterium für Mitgliedschaft in der NSDAP geändert: Mitgliedschaft beginnt nicht mehr mit Aushändigung der Mitgliedskarte sondern mit dem Datum des Antrages. Eine nachträgliche, rückwirkende Änderung - die vielleicht Linses "JA" Antwort auf dem "Meldebogen" von 1950 beeinflusst hat. Für jemanden, der sich jahrelang gesträubt hat, Mitglied der NSDAP zu werden, oder später als solches zu gelten, war diese Änderung sicher schmerzhaft. Vielleicht hat er eine pragmatische Antwort gegeben, weil sie ohne Konsequenzen für ihn blieb: Da er seinen Antrag erst so spät (1940) gestellt hatte, galt er für die Siegermächte als "nicht belastet".

 

Es passt jedoch besser zu Linse's Idealismus und seinem Glaube an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, dass er seine Überzeugung (Mitgliedschaft habe nie begonnen) weiterhin vertritt, sein JA (1950) galt dem "Antragsteller", wie oben schon vorgeschlagen. Das ist auch logisch, denn der "Meldebogen" zeigt das Wort "Anwärter" in dem Titel für die gesamte erste Spalte. Es gilt also nicht nur für die erste Zeile, für NSDAP, sondern auch für die anderen Organisationen, die in den weiteren Zeilen erscheinen. Deshalb gehört  "Anwärter" keineswegs nur zu dem Aufnahmeprozess  für die NSDAP während der Aufnahmesperre, sondern hat allgemeinen Wert, wie zum Beispiel "Antragsteller".   Man kann verstehen, dass Linse "Anwärter" als gleichbedeutend mit "Antragsteller" empfand und dass es auch so gedacht war. Er hat deshalb 1950 mit "JA" geantwortet, weil er "Antragsteller" war, was er nie geleugnet hatte. Aber für ihn gilt das "JA" NICHT für die NSDAP Mitgliedschaft, im Einklang mit seinen früheren Aussagen (1945 bis 1949), sowie mit den Regeln der Partei, die in Kraft waren, als er den Antrag gestellt hatte (1940).

 

Linse's Status, 1940 bis 1945, als Antragsteller, mit Aufnahmedatum, aber OHNE ausgehändigte Mitgliedskarte, gleicht dem der "NSDAP Anwärter" während der Aufnahmesperre. Obwohl deren Mitglieschaft nicht begonnen hatte, unterlagen sie, auch während der Sperre (gemäss Lingg), der Beitrags- und der Meldepflicht. Deshalb mag Linse 1950 im Meldebogen angegeben haben, dass der Monatsbeitrag 3 Mark war, weil auch er, wie die früher gesperrten "NSDAP Anwärter", der Beitragspflicht unterlag. Somit hat er mit dieser Auskunft NICHT zugegeben, dass seine Mitgliedschaft begonnen hatte, sondern nur, dass er der Beitragspflicht unterlag.

 

Die obige Darlegung wird von Linse selbst 1953 (!), also nach der Aussage von 1950 im "Meldebogen", unterstützt. Nämlich erklärt Linse in Haft einem Zellengenossen names Heiland, dass er sich "der Nazi-Bewegung gegenüber ... ablehnend verhalten" habe. Dieser Herr Heiland wurde später zu Haft in der Sowjetunion verurteilt aber zum Glück 1955 vorzeitig entlassen. Im gleichen Jahr sprach er mit Beamten der Bundesrepublik  über seine Erfahrungen in der Haft und die Begegnung mit Linse 1953 im Gefängnis Karlshorst. Der gesamte Bericht (BArch_ B_209_1201, [1955 Heimkehrer Heiland, re Linse, gefunden von Dr. B. Kirsch]) ist glaubhaft.


Zweifellos ist Linse's Mitglieds-Status komlipiziert, weil das Regime (durch Schöne) seine Mitgliedschaft verlangt, Linse sich aber erkennbar dagegen gesträubt hatte. Ihm nun einfach zu attestieren "er war zwar seit 1940 Mitglied der NSDAP ..." wäre für Linse eine Beleidigung oder schwere Beschuldigung, gegen die er sich vehement verteidigen würde. Schliesslich war die NSDAP kein "Schrebergarten-Verein" sondern der Träger einer Ideologie, die für Millionen Menschen den Tod und für Deutschland Scham, Schande und Vernichtung brachte. Deshalb war und ist es heute keine unwichtige Kleinigkeit, ob man bei dieser Partei Mitglied war oder als solches gilt. Wer diese Ansicht, Linse sei Mitglied der NSDAP gewesen, heute noch vertritt, muss nach meiner Meinung die obigen Argumente zum Gegenteil mit wirklichen Beweisen widerlegen.

 

Wenn man es nicht selbst erlebt hat, ist es vieleicht schwer verständlich, wie eine erwachsene Person "unter Druck" gesetzt werden kann. Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht, zuerst 1950 in der DDR, als ich 14-jährig, von meinem Klassenlehrer unter vier Augen, flüsternd, beraten wurde: "Peter, wenn du nicht der FDJ beitrittst, kannst du die Oberschule vergessen". Ich bin beigetreten, habe mich geschämt, wurde aber zur Oberschule und später sogar zur TH Dresden zugelassen. Ein weiteres Gespräch 1955, an der TH, mit den Gruppenleitern der SED und GST für meine Seminargruppe lief ähnlich: "Peter, wenn du nicht beitrittst, musst du dich vielleicht erst einmal in der Industrie bewähren." [sprich Wismut, Uranbergbau].  Diesmal, im Alter von 19, konnte ich die Drohung mit meinen Eltern besprechen und zwei Tage später nach Westberlin fliehen. Dass ich dabei Geschwister, Eltern und Grosseltern Gefahr und Repressalien aussetzen würde ist mir erst viel später klar geworden. Meine Flucht war eine eigennützige Massnahme - ganz im Gegensatz zu Walter Linse's: Er ist geblieben und hat versucht in der Nazi Diktatur menschlich und objektiv zu wirken.

 

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