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" Unser Walter Linse "

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1 Alfred Ascher
2 Alfred Ascher
3 Horst Lantzsch
4 Gilel Reiter
5 Kontakte Uebersicht
6 Linse bei der IHK
7 Ciphero Widerstand
8 Linse Nazigegner
doc 8a
doc 8b
doc 8 c
9 Die Familie
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    Fortgesetzt von 8 b


8c(1)                              Linse's Rolle in der Industrie- und Handelskammer (IHK)

 

Trotz dieser bürokratisch-rechtlichen Erkärungen dass seine Mitgliedschaft in der NSDAP nie begonnen hat, stellt sich die Frage ob er sich durch seine Aufgabe im Rahmen der "Entjudung" der deutschen Wirtschaft zum Nationalsozialismus oder Antisemitismus bekannt hat, ob er Mitläufer wurde, ein Rädchen in der Nazi-Maschine, als Parteimitglied oder nicht. Die Antwort dazu ist in Linse's IHK Akten verborgen. Sie zeigen, dass er das Nazi-Regime und dessen Gesetze, Verordnungen und Funktionäre kritisch bewertete. Seine Kritik, wenn auch nicht explizit, ist in vielen Dokumenten erkenntlich, wie erstmalig von Kirsch und später von diesem Autor detailliert wird. Ausserdem gibt es Zeugnisse von Zeitgenossen die Linses Anti-Nazi Gesinnung in seiner Tätigkeit bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Chemnitz ausdrücken. Diese uns bekannten Zeugnisse werden in diesem  Internet-Portal gezeigt, Kapitel 1 bis 7. Diese, sowie die Dokumentübersicht, kann man hier, gleich links, anklicken.  

 

Zweifellos hat Linse 1938 bis 1944 vielfache Hilfestellung für jüdische Geschäftsleute geleistet, die ihre Betriebe verkaufen oder schliessen mussten. Besonders gut dokumentiert sind die Fälle der Familien Ascher und Reiter. Manchmal wurde die Hilfe auch von Vorgesezten erkannt, und Linse musste ein Dokument revidieren (Kritik an der Regierung ist nicht erlaubt). In einem anderen Fall "beschuldigt" Herr Anacker (NSDAP Kreishauptamtsleiter) dass die IHK [also Linse] wohl Juden beschützen wolle ... Einfacher zu interpretieren ist die Beobachtung einer Sekretärin der IHK, dass Dr. Linse in der Kammer stets Anzug und Krawatte trug, nicht Parteiuniform. Ein Signal, das auch anderswo benutzt wurde, um Abneigung gegen das Regime zu demonstrieren.


Viele andere Beispiele sind in diesem Portal genau dargestellt. (Kapitel 1 bis 7).  Einige Kritiker stimmen aber meiner Bewertung nicht zu. 




8 c(2)                                   Andere Zeugnisse für Linse's Anti-Nazi Gesinnung

 

Von 1943 bis 1945  war Linse Mitglied der Anti-Nazi Widerstandsgruppe Ciphero, bezeugt durch einen der Gründer (Edgar Fischer) in einem detaillierten Bericht. Linse kannte geschäftlich den anderen Gründer, Leiter eines Arbeitsamtes in der Umgebung von Chemnitz. Die meisten der etwa 35 Mitglieder kannten einander nicht, bis Fischer's Bericht nach dem Zusammenbruch erschien. Bemerkenswert ist die Liste der Mitglieder, mit vollen Namen und Adressen, meist aus dem Bezirk Chemnitz. Diese Liste gab den Entnazifizierungs-Behörden volle Möglichkeit einzelne Mitglieder oder Gruppen vorzuladen, zu befragen, die Antworten zu vergleichen, Rückfragen zu klären, usw. Bis zum Kriegsende natürlich geheim, ist Ciphero nach dem Krieg besonders in der Ostzone anerkannt und bekannt geworden.

 

Die Verbindung zwischen Linse und Ciphero wird in zwei Berichten der Volkpolizei (1951) bestätigt, in denen seine Ciphero Mitgliedschaft besprochen und nicht angezweifelt wird. Einer dieser Berichte nennt ein Amt und eine Person in Dresden, wo mehr Information über Ciphero vorliegt. Ausserdem findet man zwei Dokumente beim Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen (UfJ) zu diesem Thema (Brief von Herrn B. an den UfJ.  Bericht von Linse an Dr. Friedenau, Chef des UfJ). Soviel zu Ciphero. (Einzelheiten und Dokumente in Katitel 7)

 

Im Sommer 1945 hat Linse offenbar das Vertrauen der Sowjetischen Besatzer und der deutschen Kommunisten in Chemnitz gewonnen. Sie (a) ernennen Linse zum Vorsitzenden einer Entnazifizierungs-Kommission (!!), (b) setzen Linse wieder bei der IHK ein und (c) befördern ihn später zum IHK Geschäftsführer. Diese Schritte sind undenkbar, wäre Linse Nazi, Nazi-Täter, oder Antisemit gewesen. In unmittelbarer Folge auf das Nazi-Regime, unter dem er gearbeitet hatte, stand für die neuen Machthaber jede Möglichkeit offen, besonders eben die Befragung von Zeitgenossen, Linse's Vergangenheit zu untersuchen. Man darf wohl annehmen, dass sie das getan haben, bevor sie ihn mit den obigen, sensiblen Ämtern betrauten.

 

Im Jahre der Gründung der DDR fliehen Walter und Helga Linse nach West-Berlin. Später wird Linse beim Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen (UfJ) eingestellt. Wieder gibt es keine Andeutung irgendwelchen schuldhaften Verhaltens durch Linse in der Nazi-Zeit. Im Gegenteil:  Ein Chemnitzer Herr B. schreibt an den UfJ von der Unterstützung seines Geschäftes durch Linse, während B. bei der Gestapo inhaftiert war. Dieser Herr berichtete auch von Linse's Mitgliedschaft bei Ciphero.

 

Beim UfJ ist Dr. Linse 1951/52 an der Planung eines ersten Internationalen Juristen-Kongresses beteiligt, der die Rechtslage in der DDR/SBZ beleuchten soll. Aus diesem Kongress entsteht die International Commission of Jurists (ICJ), die sich weltweit mit Menschenrechten, Recht und Gerechtigkeit befasst. Sie besteht noch heute. Es ist undenkbar, dass Linse ein Nazi-Täter war und dann unangefochten solch eine öffentliche, internationale Rolle ausüben konnte. Die Wunden vom Naziterror waren damals noch frisch. Für überlebende oder geflüchtete Opfer war Linse damals erkennbar und er hätte angeklagt werden können. Das ist nicht geschehen.

 

Am 8. Juli 1952 wurde Dr. Walter Linse gewaltsam aus West-Berlin entführt und er verschwand für immer. Dadurch wurde er nochmals weltweit bekannt. Wieder gab es keinerlei Proteste gegen Dr. Linse wegen seiner Tätigkeit bei der "Entjudung der Deutschen Wirtschaft", oder seiner Rolle als "Nazi". Im Gegenteil, es kamen zwei für ihn positive Bewertungen:

 

Im Herbst des gleichen Jahres schreibt Horst Lantzsch (ein Chemnitzer Bekannter von Dr.Linse und Herrn Ascher) nach Linses gewaltsamer Entführung an Dr. Adenauer: “…Mit Unterstützung von Dr. Linse, der sich … massgebend dafür einsetzte, war es möglich, meinen Freund Ascher [1939] aus dem KZ-Lager herauszuholen. .... Ein Mensch [Linse] mit einer solch anständigen Gesinnung gehört nicht ins Gefängnis......Ich bin jederzeit bereit Vorstehendes eidesstattlich zu bekräftigen. Ich lebe heute mit meinem [Jugend-] Freunde Ascher hier in Manchester [New Hampshire, USA] zusammen und es wäre für uns die schönste Nachricht, wenn wir erfahren würden, dass Dr. Linse wieder frei ist. Hochachtungsvoll !          gez. Horst B. Lantzsch."


Weitere zehn Jahre später (1963) war Linse längst aus den Schlagzeilen der Welt verschwunden, sein Schicksal (1953 ermordet in Moskau) noch unbekannt. Verschwunden, aber nicht vergessen. Auch nicht von Alfred Ascher, dem jüdischen Geschäftsmann aus Chemnitz. (Kapitel 1 und 2)  In einem Zeitungsinterview in USA erzählt er von der Kristallnacht, Buchenwald, der Flucht aus Deutschland und Linse's Hilfe. Darin bezeugt Herr Ascher:


                              “Fortunately, Linse was an avowed anti-Nazi”

 

                           Zum Glück war Linse ein überzeugter Nazi-Gegner 

 

Dank gebührt vielen Menschen, die sich für den Fall Linse interessieren; auch Herrn Dr. Benno Kirsch, der zuerst und fair über Linse's Wirken bei der IHK berichtet hat und noch heute Dokumente sucht, findet, und sie mit mir diskutiert. Trotzdem sehen wir Linse unterschiedlich - für Kirsch hat er "mitgemacht", war er "verstrickt" in das Nazi-Unrecht, hätte sich diesem entziehen müssen. "Entziehen" aber bedeutet für mich, dem Unglück freien Lauf zu lassen. Dr. Walter Linse hingegen hat mutig versucht, Fairness und Vernunft, im Widerspruch zu Nazi-Dogma und Willkür, walten zu lassen.

 

Peter Seifert